Venezuela – Vom Orinoco-Delta zu den Tafelbergen der Gran Sabana
Tucupita
– Das Tor zum Orinoco-Delta
Morgens kurz vor sechs Uhr erreicht der Bus Tucupita. Die Stadt ist noch total verschlafen, nur einige Taxis warten auf die Fahrgäste aus Caracas.
Manche Reiseführer bezeichnen Tucupita, die Metropole des Orinoco-Deltas, als "Endstation" - und was das Stadtbild betrifft, ist diese Bezeichnung durchaus zutreffend. Die ganze Stadt besteht aus vor allem einstöckigen Gebäuden, bereits zwei Stockwerke sind rare Ausnahme, alles schmuddelig - und selbst die Kathedrale wirkt wohl nur deshalb so imposant, weil sie alles andere hier überragt. Aus der Nähe betrachtet verliert allerdings auch dieses Prunkstück von Tucupita seinen Reiz.
Unweit des Hauptplatzes befindet sich am Orinoco-Ufer die Anlegestelle für die Boote. Am Ufer sind einige Hängematten ausgespannt, ein Feuer brennt - hier campieren hier die Obdachlosen.
Das "Saxxi", ein Motel, in dem wir schließlich Quartier nehmen, liegt zwei Kilometer vom Stadtrand entfernt in der "Industriezone" - aber dafür verfügt es über einen richtigen Badestrand am Orinoco.
Ich nutze die Gelegenheit zu einem kurzen Bad: Der Boden ist schlammig, doch das Wasser ist lauwarm und fließt völlig ruhig. Abseits der Badestelle treiben die Wasserpflanzen, haben an einigen Stellen im Flusslauf regelrecht schwimmende Inseln gebildet.
Gegen 12.00 fängt es an zu regnen. Die Tropfen sind warm, und der ganze Orinoco scheint nun vom Dunst überzogen. Ein phantastisches Bild! Gegen 14 Uhr hört der Regen wieder auf, und gegen 15 Uhr fahren wir zurück in die Stadt, um Geld zu tauschen.
Dabei erleben wir eine böse Überraschung: Außerhalb von Caracas und den Touristenzentren werden nämlich die Travellerschecks nicht akzeptiert. Nach einer mühseligen bürokratischen Prozedur - einschließlich Rückfrage in Caracas - bekomme ich über meine Mastercard dann doch noch 300 US-$, 139.000 Bolivares. Die ganze Aktion dauert fast eine Stunde.
Bei
den Warao von Santo Domingo
Die Warao-Indianer an der Bootsanlegestelle dösen um neun Uhr teilweise noch in ihren Hängematten; Kinder, nackt und manche von ihnen mit aufgeblähten Bäuchen, toben herum. Im Dschungel, sagt Yance, der Chef der Agentur, bei der wir gestern unsere Orinoco-Tour gebucht haben, ginge es den Indianern eigentlich besser. Vor neun Monaten verkaufte Yance noch auf der Straße Uhren; nun gehört ihm ein Boot und eine Touristenagentur.
Wir fahren das Delta Richtung Westen hinauf, kommen an Farmhäusern vorbei und an unzähligen Bootsanlegestellen. Um Eis zu besorgen, lässt José, unser Führer, anhalten. An unserer Anlegestelle verarbeitet eine Bauernfamilie gerade eine geschlachtete Kuh: Der Darm wird mit Fettmasse gefüllt, das Fleisch liegt in einem Eimer mit Wasser. Immer wieder wird die "Wurst" im Orinoco gesäubert.
Aronstabgewächse beherrschen das Ufergebiet. Immer wieder tauchen Bauernhäuser auf, meist Lehmbauten, aber mitunter auch offene Holzhütten im Stil der Indianer. Selbst vom Fluss aus sehen wir die Hängematten im Inneren der Indiohütten.
Gegen Mittag legen wir in einem Indiodorf an. Es heißt Santo Domingo, und wurde mit seinen Steinhäusern von der Regierung für die Warao errichtet. Die meisten Indios, so meint José, würden aber ihre traditionellen Dörfer vorziehen.
In Santo Domingo ist der Tourismus und die Andenken-Produktion zur wichtigen Einnahmequelle geworden. Einen ganzen Arbeitstag dauert es, bis eine Holzstatue - ein Vogel, ein Krieger - fertiggeschnitzt ist. Wir kaufen einen solchen aus Holz gefertigten Vogel für 1200 Bolivares.
Doch vom Tourismus können die Dörfler nicht leben. Sie züchten Rinder, Schweine, und am Ortsausgang ist ein Mann gerade dabei, aus einem Baumstamm ein Kanu zu bauen. Dabei ist er mit der Axt so geschickt, dass die Bootswände schließlich ganz glatt sind.
In einem allein stehenden Bauernhaus essen wir zu Mittag. Das Haus ist ein einfacher Lehmbau mit drei Räumen. Ein Heiligenbild und eine Büste von Simon Bolivar sind der einzige Schmuck an den Wänden. Neben dem Haus wachsen Kakao und Kokosnusspalmen.
Am Nachmittag stoßen wir auf Flussdelphine. Aber sie tauchen immer nur kurz auf, sind nicht zu größeren Sprüngen aufgelegt. Unterdessen klettert ein rotfelliger Affe behende in den Wipfeln des am Ufer stehenden Baumes.
Schwärme weißer Vögel fliegen nun über den Fluss, während allmählich die Dämmerung hereinbricht. Wie Blitze durchzucken Wetterleuchten die Wolken. Innerhalb weniger Minuten wird es völlig dunkel. Doch zum Glück haben wir Vollmond, der nun rotgelb schimmert. Trotzdem braucht der Mann am Bug jetzt meine Taschenlampe, um das Boot an den aus den Pflanzen gebildeten schwimmenden Inseln sicher vorbei zu manövrieren.
Der
Weg in die Gran Sabana
Die Bootstour hat an uns ihre Spuren hinterlassen. Am nächsten Tag sind wir schlapp, die Schädel brummen - und so verbringen wir den ganzen Vormittag am Strand des "Saxxi", ausschließlich damit beschäftigt, die hubschrauberähnlichen Insekten zu beobachten, die uns ständig umkreisen.
Gegen 15.30 Uhr, mit einer halben Stunde Verspätung, verlässt der Bus von "Guayana-Express" Tucupita. 2400 Bolivares haben wir für unsere beiden Tickets bezahlt - und mehr sind die zugigen Plätze nicht wert. Die Musik aus dem Kassettenrecorder des Fahrers dröhnt ohrenbetäubend, und natürlich gibt es über lange Strecken mehr Passagiere als Sitzplätze.
Tucupita muss eine absolut typische venezuelanische Provinzstadt sein: Ich bin eingenickt, wache gegen 16.30 Uhr auf - und mein erster Gedanke ist, dass wir gerade wieder den Hauptplatz von Tucupita umkreisen: Vom Baustil, von der Anordnung der Straßen her - nicht der geringste Unterschied zu Tucupita, das natürlich in Wahrheit schon weit hinter uns liegt.
Bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir die Fähre, die von San Felix nach Ciudad Guayana übersetzt. Auf unserer, der nördlichen Seite des Orinoco stehen einige armselige Bretterbuden, aus denen an die Reisenden Kartoffelchips und Getränke verkauft werden. Auf der anderen Seite gehen allmählich die Lichter von Ciudad Guayana an.
Die Fähre, auf die auch unser Bus nun fährt, macht den Eindruck, als hätte man sie schon einmal im Fernsehen gesehen - bei den Nachrichten über Fährunglücke in der Dritten Welt. Jeder Quadratzentimeter auf dem Deck wird ausgenutzt - und dass wir während der Überfahrt im Bus bleiben müssen, erhöht die Sicherheit wohl kaum.
Gegen 19.00 Uhr erreichen wir den Busbahnhof von Ciudad Guayana, unmittelbar gegenüber dem Fährhafen, nur wenige hundert Meter entfernt. Gegen 21.00 Uhr sollen wir laut unseren Tickets - zusammen 7.200 Bolivares - mit der "Linea Orinoco" nach St. Elena de Uairén weiterfahren können. Der Bus hat aber eine halbe Stunde Verspätung - und ist noch zugiger und lauter als der Bus von Tucupita nach Ciudad Guayana.
Offensichtlich braucht der Fahrer die laute Musik, um nicht einzuschlafen.
Die Orte, durch die wir kommen, haben etwas von Wildwest-Städten an sich. Gegen ein Uhr morgens passieren wir eine Militärkontrolle, sind nun in der Gran Sabana.
In der
Diamantenstadt St. Elena de Uairén
Im Dämmerlicht sind in der Ferne die Umrisse eines Berges auszumachen, der als einsames Monument aus der Landschaft ragt. Ansonsten: Endlose Weite, über die sich der Morgennebel breitet. Das ist der erste Eindruck der Gran Sabana.
Kurz vor sieben Uhr erreichen wir den Militärposten, der das Grenzgebiet bewacht. Obwohl wir uns noch vor St. Elena befinden, die brasilianische Grenze gut 15 Kilometer entfernt ist, findet hier eine regelrechte Grenzkontrolle statt. Männer und Frauen müssen aus dem Bus, das ganze Gepäck in der Hand, dazu werden die Ausweise und Pässe der Männer gesondert eingesammelt. Dann geht es, Männer und Frauen getrennt, zur Gepäckkontrolle, wobei die Soldaten jedes Gepäckstück, und sei es auch nur ein Schuhkarton, auspacken lassen. Wir haben Glück, müssen nur kurz unsere Taschen öffnen, sind dann entlassen.
Nach dieser Prozedur steigen wir gar nicht mehr in den Bus, sondern nehmen für 1000 Bolivares ein Taxi zum Hotel Frontera.
Das ist eine durchaus angenehme Unterkunft für 6000 Bolivares. Das Hotel verfügt über einen Innenhof mit Kokosnusspalmen, einer Voliere für Papageien und einem großen blauen Papagei, der gleichsam als König auf seinem Baum in der Mitte des Hofes thront, sich aber auch auf die Hand nehmen lässt.
Bei "Anaconda-Tours" buchen wir für zusammen 100 US-$ eine Zwei-Tages-Tour in die Gran Sabana. Jesus, unser Guide, lebt seit zwei Jahren in St. Elena, ist eigentlich Flugbegleiter, spricht daher auch ein gutes Englisch.
Eigentlich besteht St. Elena aus nicht mehr als vielleicht drei Hauptstraßen voller Restaurants, Boutiquen, Supermärkten - und einigen Diamantenhändler-Läden, denen der Ort - neben dem Tourismus - seinen Aufschwung verdankt.
Das ganze ist eine Wildwest-Stadt im Goldrausch - aber eine, die Glück gehabt hat, weil sie nicht nur vom Gold - hier Diamanten - sondern auch vom Fremdenverkehr lebt.
Wir unterhalten uns mit dem Besitzer eines Kunstgewerbeladens. Rund 80 Jahre ist er alt, stammt aus Spanien, spricht gut Deutsch, lebt seit 60 Jahren in Venezuela und seit 40 Jahren in St. Elena. Damit dürfte er zu den Gründern der Stadt gehört haben.
Wasserfälle
und Tafelberge
Bei Umita, etwa Km 271, machen wir unseren ersten Stop in der Gran Sabana. In der Ferne sehen wir das Massiv eines Tafelberges, der von den Einheimischen "Schlafender Indianer" genannt wird. Der langgezogene Berg ist der "Körper", der daran anschließende kleinere Berg mit der herausragenden Erhöhung auf seinem Plateau das "Kopf" mit der "Nase".
Km 278: Wir biegen wir auf eine Piste, verlassen dann unseren Wagen, klettern einen Hügel hinab, stolpern über die schweren Sandsteinbrocken, die überall herumliegen, geraten schließlich in ein kleines Stück Dschungel, klettern weiter über Felsbrocken, halten uns an herunterhängenden Ästen fest - und sind schließlich am Salto Agua Fria.
Der Tümpel unterhalb des vielleicht 20 Meter hohen Wasserfalls ist wirklich kalt - doch wenn man einige Momente darin geschwommen ist, gewöhnt man sich daran. Entlang der glitschigen Steine folgen wir dem Flusslauf ungefähr auf 150 Meter, stehen dann am oberen Teil des nächsten Wasserfalls. Schätzungsweise 70 Meter tief stürzt das Wasser in die Schlucht - und fließt dann sofort völlig ruhig weiter in der scheinbar endlosen Ebene, die nur von einigen Hügeln und kleinen Wäldchen unterbrochen wird.
Auch der nächste Stop an der Quebrada de Jaspe führt uns zu einem Wasserfall. Er ist zwar nicht sehr groß, führt aber über ein glattes Gestein, das in allen möglichen Schattierungen zwischen Rot und Gelb schimmert und auch überall am flachen Grund des Flusslaufes zu sehen ist: Jaspe. Der ganze Berg besteht aus dem vulkanischen Halbedelstein.
Am Wasserfall selbst tummeln sich Scharen gelber, blauer und roter Schmetterlinge, in den Bäumen entdecken wir zwei schwarze Termitennester.
Wir passieren das Indiodorf San Francisco bei Km 250, eine einfache Ansammlung rundlicher Lehmhütten. Weil der Boden der Gran Sabana so sauer ist, wächst hier nichts außer Ananas, berichtet Jesus, unser Führer. Jetzt haben die Indios von San Francisco zwar jede Menge Ananas - aber keine Abnehmer für ihre Früchte.
Der Arapena-Merú am Rio Yurani - bei Km 247 - beeindruckt nicht durch seine Höhe, sondern durch die Breite, über die der Fluß hier allerdings nur rund drei Meter hinabstürzt. Und überall schwirren hier die Moskitos!
Am Kauchik-Merú bei Km 217, mit vielleicht knapp 100 Metern heute unser bisher höchster Wasserfall, ist ein richtiges Touristenzentrum mit Campingplatz und Bungalows entstanden. Die Gischt schäumt so hoch, dass so etwas wie kleine Nebelschwaden über dem Kauchik-Merú zu liegen scheinen.
Zwischen den Kilometerständen 210 und 200 machen wir einen Aussichtsstop: Wir scheuen auf ein kleinen Wäldchen, zu dem sogar ein Weg führt und in der Ferne liegen Hügel, die wie treppenartige Terrassen gebaut sind.
Rund 11000 Indios leben in der Gran Sabana, sagt Jesus, nutzen den Dschungel zum Feldbau von Maniok und anderen Nahrungsmitteln.
Nach einem Tankstopp biegen wir bei Km 147 auf eine Pistenroute, kommen an einem verlassenen Flugplatz vorbei, passieren gefährlich aussehende Brückenkonstruktionen und erreichen nach Einbruch der Dunkelheit das Camp Chivaton.
Nach Sonnenuntergang fallen die Temperaturen rapide.
Am Abend gibt Alfredo, der Camp-Besitzer, einige Geschichten aus der Tierwelt der Sabana zum besten: Einmal sei ein Puma ums Haus gestreunt, habe immer wieder Ziegen gerissen. Als sie ihn dann jagten, sei er nur verwundet worden. Später hätten sie ihn dann lediglich so bekommen, indem sie ihm vergiftetes Ziegenfleisch als Köder vorsetzten. 180 Kilo habe der Puma gewogen.
Die Indiofrauen, so erzählt Alfredo weiter, fürchten, dass der große Ameisenbär ihr Menstruationsblut riechen könne. Also flüchteten sie während ihrer Periode auf die Bäume. Wir bekommen allerdings weder Pumas noch Ameisenbären und schon gar keine auf Bäumen sitzenden Indiofrauen zu Gesicht.
Franziskaner
und Indianer
Nach dem Aufbruch machen wir am nächsten Morgen unseren ersten Stopp an einem Aussichtspunkt gleich in der Nähe unseres Camps. Wir sehen über ein weites Tal, einen kleinen See - und schließlich einen Tafelberg, der auch hier den Namen "Schlafender Indianer" trägt. An dem einen Ende hat er ein Gesicht, zumindest kann man eine herausragende Spitze als Nase deuten, dann schließt sich der Körper an, in dessen Mitte eine weitere Erhebung, wie ein stehender Phallus.
Von hier aus fahren wir über eine Piste zum Indiodorf Kavanayén, 1942 von Franziskanermönchen gegründet.
Von einem urwüchsigen Indiodorf hat Kanavayén nichts an sich. Die Häuser sind aus massiven Feldsteinen gebaut, an der Spitze des Dorfplatzes - auf dessen Mitte steht ein Kreuz - prägen die zweistöckige Missionsstation mit ihren hohen Balkonen, daneben die Kathedrale und schließlich die Schule das Ortsbild.
Die Schule verfügt über einen prächtigen begrünten Innenhof mit Marienstatue - und die Indiokinder tragen alle ihre blauweißen Schuluniformen, lassen sich aber nicht fotografieren
Das nächste Ziel ist das Indiocamp Iboribo, wo wir in einen motorisierten Einbaum steigen und den Rio Apanwao ein kleines Stück stromabwärts fahren. Dann verlassen wir das Boot und unternehmen einen gut 20minütigen Fußmarsch zum Salto Chinak-Merú. 105 Meter stürzt der Fluss hier vom Felsen in die Tiefe, der Fuß des gigantischen Wasserfalls ist eine einzige Gischtwolke.
Auf dem Marsch zum und vom Wasserfall entdecken wir Salamander, Termitenhügel, manche einen Meter hoch und eine gelbe Raupenart, von denen einige Exemplare braune Haare tragen.
Schließlich geht es an dem verlassenen Flughafen vorbei wieder auf die Hauptstraße, wo wir am Salto Kaui-Merú einen letzten Badestop einlegen. Eine schmale Steintreppe, nur notdürftig abgestützt durch zusammengebundene Äste, führt zu dem Tümpel am Fuß des kleinen Wasserfalls. Das Wasser ist frisch - aber nicht so kalt, wie es den Anschein hat.
Nach einem Ausrutscher, bei dem ich mir sehr schmerzhaft den Ellbogen prelle, stehe ich schließlich im Schwall des Wasserfalls und spüre die Kraft des herunterprasselnden Wassers.
Bei Sonnenuntergang genießen wir noch einen Blick über die dämmernde Sabana. Schnell wird es dunkel - und bei strömendem Regen sind wir zurück in St. Elena de Uairén.
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